Interdisziplinäres Institut

für Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit (IKFN)


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Hussiten-Glock

VARIORUM DISCURSUUM BOHE | micorum Nervus, | Oder | Hussiten Glock. | Welche nicht nur die Böhmische/ sondern | alle Evangelische Staendte/ auff ihre Feinde ein wach= | endes Aug zu haben/ ermahnet/ vnd vor denselben treulich | warnet/ auch was bey bem Böhmischen Kriegs= |wesen zu thun seye/ mit ihrem Resonantz | vnterrichtet. | Gestellet vnd publicirt | Durch Johann Huß redivivum. | Sampt einem Extract eines Jesuitischen | Schreibens/ auß welchem zu sehen/ durch was | Mittel vund Wege/ die Jesuiten in das Königreich | Boehmen widerumb einzukommen | gedencken. | Erstlich in Boehmischer/ jetzt aber auffbegern | in Teutsche Sprach gesetzt vnd nachgedruckt. | Im Jahr/ M. DC. XVIII [–1620] [Getr. Zählung]. 4° – [Hauptband] [Konvolut mit Flugschriften in 2 Bänden] 

Etwa ein Jahrhundert vor der deutschen Reformation übte der Theologe Jan Hus (um 1370-1415) in Böhmen Kritik an der katholischen Kirche. Er hielt seine Predigten statt in Latein in tschechischer Sprache und vertrat die Ansicht, dass keiner außer Christus allein das wahre Oberhaupt der Kirche sei. 1415 wurde Hus auf dem Konstanzer Konzil aufgefordert, seine Lehren zu widerrufen und seine Predigertätigkeiten zu unterlassen. Da er dieses kategorisch ablehnte, wurde er verurteilt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

(Hussitenglock) Titelblatt

Dieses Flugschriftenkonvolut beweist, dass die hussitische Idee gerade durch den Märtyrertod von Jan Hus große Aufmerksamkeit fand und vermehrt verbreitet wurde. Der erste Band enthält zehn aufeinanderfolgende Flugschriften, die unter dem Titel Hussiten Glock zusammengebunden wurden. Der zweite Band umfasst die letzten drei Teile dieser Continuatio und daneben zwölf weitere Flugschriften, die zwar nicht Teil dieser Folge sind, aber auch einen antikatholischen Tenor aufweisen. Die Schriften der Hussiten Glock sind um die Jahre 1618-1621 datiert, als die böhmischen Stände gegen Ferdinand II. rebellierten, und damit der Dreißigjährige Krieg ausgelöst wurde. Einige entstanden in Prag und wurden vom Tschechischen ins Deutsche übersetzt. Die Flugschriften sind unter dem Pseudonym Johannn Huß redivivus publiziert. Gerade die Anonymität war ein großer Vorteil dieser Gattung. Sie konnte sich wie kein anderes Medium der Zensur entziehen und so unbehelligt ihr Ziel verfolgen, die Massen von einer bestimmten politischen oder religiösen Ansicht zu überzeugen. Zu diesem Zweck wurde ein Stil ausgesprochener Polemik benutzt.

Der Titel der ersten Flugschrift lautet „Hussiten Glock Erster Klang“. Bildhaft wird hier die Glocke, das Alarmsignal, geläutet. In dem Untertitel weist der Autor durch die rhetorische Frage, ob die Evangelische Böhmische Stände/ sampt ihrer Religion, auß dem Königreich Böhmen/ durch ihre Feinde vertilget werden können auf den Inhalt seiner Flugschrift hin. In ihr schildert er polemisch den Versuch der Jesuiten, Böhmen zu erobern und die Protestanten zu vernichten. Die zweite Flugschrift beginnt mit einer Ermahnung an alle „christliche Helden“. In diesem „glaubwürdigen Bericht“ beschreibt der Autor den Märtyrertod des Jan Hus und wie er zusammen mit Hieronymus von Prag, der 1416 als Häretiker auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, „Wunderbarlicherweiß von den Todten aufferstanden“ sei .

Jennifer González Guilá